Definition

Sitzhilfen dienen der Kompensation ausgeprägter Sitzfehlhaltungen und/oder Sitzhaltungsinstabilitäten. Sie sollen ein dauerhaftes, beschwerdefreies Sitzen in physiologischer Haltung ermöglichen. Die Sitzhilfe kann die Grundlage aller weiteren Behandlungs-/Rehabilitationsmaßnahmen sein.


Sitzschalen ermöglichen Versicherten mit erheblich geminderter oder fehlender Stabilität des Rumpfes bzw. mit ausgeprägter Rumpfdeformität ein korrigiertes und entlastendes Sitzen. Bei Kindern mit mangelnder Rumpfstabilität kann mit einer rechtzeitigen, sachgerechten Sitzschalenversorgung der Ausbildung von Fehlhaltungen und Deformitäten entgegengewirkt werden.

Sitzschalen stabilisieren die Körperhaltung in therapeutisch erwünschter Stellung durch die körperumfassende Konstruktion dieser Hilfsmittel. Sie erleichtern so dem Versicherten die Wahrnehmung und Kontaktaufnahme zu seiner Umwelt, verbessern vitale Funktionen wie z.B. die Atmung und Herz-Kreislauftätigkeit, vermindern Spastiken und ermöglichen den aktiven Einsatz der Arme und Hände für selbständige Bewegungen und Tätigkeiten.

Entspannte Sitzposition spart Kraft und Aufmerksamkeit zur Kopf- und Rumpfkontrolle für sinnvollere, entwicklungsfördernde Aufgaben wie z.B. Geschicklichkeitstraining der Arme und Hände, Schreiben, Lesen, konzentriertes Spielen, Lernen, Beobachten und Zuhören.

Besteht die Möglichkeit einer Versorgung mit konfektionierten Sitzschalen, so hat dies Vorteile gegenüber individuell angefertigten Sitzschalen.

Konfektionierte Sitzschalen sind i.d.R. schneller verfügbar und bieten die Möglichkeit der nachträglichen Anpassung an die wachstums- und krankheitsbedingten Veränderungen von Körperhaltung, Stütz- und Fixierfunktionen, was bei Sonderanfertigungen von Sitzschalen nicht in jedem Fall möglich ist.

Um für eine möglichst dauerhafte Versorgung die richtige Schalengröße auswählen zu können, sind das Krankheitsbild und die Wachstumsentwicklung des Kindes bzw. Jugendlichen zu berücksichtigen.

Die fachgerechte und zum richtigen Zeitpunkt durchgeführte Sitzschalenversorgung bedarf einer exakten Indikationsstellung sowie der regelmäßigen Kontrolle durch den behandelnden Arzt.


Sitzschalen werden unterteilt in:

1. Sitzschalen, konfektioniert

- Sitzschalenmodule, starr
- Sitzschalenmodule mit Rückenverstellung


2. Sitzschalen unter Verwendung von Rohlingen, individuell angepaßt

- industriell vorgefertigte Rohlinge, bei denen das an den Behinderten angepaßte Polster (Innenschale) und die Außenschale vom zugelassenen Leistungserbringer auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Versicherten abgestimmt werden.


3. Sitzschalen, individuell angefertigt

- individuelle Anfertigung einer Sitzschale von Grund auf, die nach genauer Abnahme der Maße oder Formabdruck erfolgt (auch mittels z.B. PC-Software). Diese Versorgung bildet die Körperform und die Besonderheiten des Krankheitsbildes zum Zeitpunkt der Herstellung der Sitzschale statisch ab. Eine spätere funktionelle Anpassung an die geänderte Körperform und das Krankheits- bzw. Behinderungsbild ist nur eingeschränkt möglich.

Diese Versorgung kann nur in Betracht kommen, wenn alle anderen Möglichkeiten einer Sitzschalenversorgung nicht ausreichend bzw. nicht geeignet sind.


Für behinderte Kinder können Modul-Kindersitzsysteme eine Alternative zu Sitzschalen sein. Modulare Kindersitzsysteme bestehen aus Sitz-, Rücken- und Seitenteilen, die in unterschiedlichen Formen und Größen individuell zusammengestellt werden können. Wie bei Sitzschalen muss auch hier die Versorgung mit Zubehörteilen dem Krankheits- und Behinderungsbild angepaßt werden.

Bei der Versorgung mit Sitzschalen und modularen Sitzsystemen für Kinder sind Fahr- bzw. Untergestelle für den Innenraum und/oder Außenbereich obligatorisch. Sie dienen der Mobilität und dem Transport des Versicherten.

Eine Mehrfachausstattung mit zwei typengleichen Fahr- bzw. Untergestellen wird i.d.R, als nicht notwendig erachtet und kommt nur in besonderen Fällen in Betracht. Dies trifft beispielsweise für die Versorgung von schulpflichtigen oder in Heimen, Kindergärten und anderen Institutionen untergebrachten Kindern zu, da der Besuch der jeweiligen Institution zu dem Lebensbereich des Kindes gehört. Neben dem für den ständigen Gebrauch zu Hause zu gewährenden Fahrgestell kann bei Bedarf auch ein weiteres, typengleiches Fahrgestell für den außerhäuslichen Bereich in Betracht kommen. Die Ausstattung mit einer weiteren Sitzschale ist in diesen Fällen nicht erforderlich.

Die Mehrfachausstattung mit einem Fahrgestell für den Innenraum und einem für die Straße kommt für Versicherte in Betracht, die ständig auf die Benutzung eines Fahrgestells für den Innen- und Außenbereich angewiesen sind und bei denen die häuslichen Verhältnisse den Einsatz eines Fahrgestells für draußen und drinnen nicht zulassen. Im Regelfall ist bei diesem Versorgungsumfang die Ausstattung mit einer weiteren Sitzschale nicht notwendig und kommt nur in Ausnahmefällen in Betracht.

Eine Zweitausstattung mit einem Fahrgestelle für den Arbeitsplatz fällt nicht in den Aufgabenbereich der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Therapiestühle sind Sitzhilfen für Kinder, die aufgrund der Ausprägung und Art des Krankheitsbildes nicht ständig in einer Sitzschale sitzen müssen. Diese Stühle sind in jede Richtung verstellbar und durch verschiedene Zubehörteile und Fixierungssysteme individuell anpaßbar, sog. mitwachsende Stühle sind keine Leistung (z.B. Trapp/Tripp-Stühle).

Für den Transport von Kindern im Auto stehen behindertengerechte Autokindersitze zur Verfügung, die Anwendung finden können, wenn die vorhandene Sitzhilfe nicht in einem Auto adaptierbar ist.

Die Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstreckt sich gegenüber einem handelsüblichen Autokindersitz lediglich auf den behinderungsbedingten Mehraufwand, wenn das Krankheits- oder Behinderungsbild ein derartiges Hilfsmittel auch während eines Transportes im PKW erforderlich macht und handelsübliche Autokindersitze nicht ausreichend sind.

Arthrodesenstühle sind mit Rollen ausgestattete, gepolsterte Sitzhilfen, mit denen die Oberschenkel durch einstellbare Vorrichtungen getrennt voneinander abgesenkt und angehoben werden können. Arthrodesensitzkissen sind spezielle Sitzkissen, die auf handelsübliche Sitzmöbel aufgelegt werden können.

Sie ermöglichen Versicherten mit schwerwiegenden Bewegungseinschränkungen des Hüft- und/oder Kniegelenks ein behinderungsadaptiertes Sitzen. Oberschenkelprothesen allein stellen noch keine Indikation für einen Athrodesenstuhl dar. Ein Arthrodesenstuhl für den Arbeitsplatz ist keine Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Gegenstände ohne spezielle therapeutische Wirkung, die lediglich der Gesunderhaltung, dem Fitnesstraining oder dem allgemeinen Wohlbefinden dienen, fallen in den Bereich der persönlichen Lebensführung und sind keine Hilfsmittel im Sinne der Gesetzlichen Krankenversicherung. Gleiches gilt für Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, auch wenn diese durch gewisse Veränderungen oder durch bestimmte Qualität bzw. Eigenschaft behindertengerecht gestaltet sind.
Dazu gehören beispielsweise Sitzbälle, Sitzschalenstühle, Streckstühle, sog. Bandscheibenstühle, Autofahrer-Rückenlehnen, Sitzmulden, spezielle Autositze (Ausnahme: behinderungsbedingter Mehraufwand für Autokindersitze), Sitzkeile sowie Vorrichtungen zum geraden Sitzen.



Querverweise:

Sitzkissen/Sitzringe für die Dekubitusprophylaxe bzw. -behandlung: siehe PG 11 "Hilfen gegen Dekubitus"

Bade-/Duschsitze: siehe PG 04 "Badehilfen"

Toilettensitze: siehe PG 33 "Toilettenhilfen"

Behindertengerechte Sitzelemente für Krankenfahrzeuge: siehe PG 18 "Krankenfahrzeuge"

Sitzschalen mit festmontiertem Rollstuhlgestell: siehe PG 18 "Krankenfahrzeuge"

Aufstehhilfen: siehe PG 22 "Mobilitätshilfen"

Siehe auch: PG 20 "Lagerungshilfen" und PG 28 "Stehhilfen"

Indikation

Sitzhilfen kommen zur Anwendung bei Versicherten, bei denen die Einnahme der Sitzposition entweder erschwert oder im physiologischen Sinne gestört oder aufgrund von anatomischen Veränderungen unmöglich ist, weil das Zusammenspiel von Becken und Wirbelsäule entweder durch angeborene bzw. erworbene Deformierungen des Halteapparates (knöcherne bzw. Gelenkstrukturen) oder durch angeborene bzw. erworbene Insuffizienzen des Bewegungsapparates (muskulär bzw. neuronal/myelonär/cerebral/verletzungsbedingt), des Beckens und/oder der Wirbelsäule funktionelle Defizite aufweist.


Insbesondere sind Sitzhilfen angezeigt bei:

Ausgeprägten Bewegungsstörungen oder Lähmungen, in deren Folge die Stabilität des Rumpfes bzw. der Rumpf- und Kopfhaltung soweit gemindert ist, dass ein Sitzen ohne umfassende Unterstützung nicht möglich ist oder zu Fehlhaltung und Deformierung führt.

Fehlbildungen durch Krankheiten/Behinderungen oder Unfallfolgen und/oder Deformitäten des Rumpfes und/oder der Ex tremitäten, wenn die abnorme Form des Körpers jegliches Sitzen ohne spezielle Stützung und Fixierung erschwert oder weitgehend unmöglich macht, z.B. bei

- cerebralen Bewegungsstörungen,
- Myelodysplasie,
- Muskeldystrophie oder -atrophie,
- Multipler Sklerose,
- schweren Fehlbildungen des Rumpfes und/oder Extremitäten

Hüft- oder Kniegelenkversteifungen und/oder schwerwiegenden Bewegungseinschränkungen

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